Gebet unter Feindlichem Feuer

Erinnerungen an Arnheim 1944, Brite sucht noch lebende Zeitzeugen

von Kai Michael Horst

 

Im September des vergangenen Jahres besuchte ich die Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag der Operation Market Garden in Arnheim. Durch unsere schottische Kameradin Sheila Wurr entstand eine Verbindung zur „Arnhem Fellowship“, eine Vereinigung ehemaliger Soldaten, Angehöriger, Interessierter und Unterstützer, die zu diesem Anlass viele Aktivitäten durchführt.
Sheila Wurr’s Vater Company Sergeant Major Victor James Twist war Soldat des 156th Parachute Battalion, 4th Parachute Brigade der 1st Airborne Division, die bei der Luftlandeoperation Market Garden beteiligt war. Company Sergeant Major Twist hatte nach Kämpfen in Italien das Fernglas von einem gefallenen deutschen Offizier mitgenommen, das seine Tochter mir bei einer Begegnung in Monte Cassino „zurückgegeben“ hat.

Bei einer der Veranstaltungen der „Arnhem Fellowship“ lernte ich David Pott kennen, den Sohn von Major Robert Laslett John Pott, der kommandierender Offizier der A Kompanie des 156 Bataillon war. In einem Gespräch berichtete mir David Pott von den Erlebnissen seines Vaters und seiner Einheit während Market Garden.

Von diesen Erlebnisse möchte ich hier berichten. Dafür standen mir persönliche Berichte der Familie, öffentliche Berichte unter http://www.pegasusarchive.org/arnhem/john_pott.htm und das Buch „ARNHEM 156 PARACHUTE BTN & 4th Parachute BDE“ von John O’Reilly zur Verfügung. Die abgebildete Karte von Oosterbeek stammt ebenfalls aus diesem Buch, mit freundlicher Genehmigung von John O’Reilly.

Im Sommer 1944 befinden sich die deutschen Armeen an alle Fronten auf dem Rückzug.
Mit der Operation Market Garden wollen die West-Alliierten durch Holland hindurch auf deutschen Boden vorstoßen, um den Krieg noch im selben Jahr zu beenden. Jedoch sind ihre Annahmen über Position, Stärke und Zustand der deutschen Truppen in der Gegend von Arnheim zu ungenau und zu optimistisch, eine umfassende Feindaufklärung wird vernachlässigt. Auf eine Berücksichtigung von Informationen holländischer Militär-Experten wurde verzichtet. Die britischen Soldaten wissen nicht, was sie erwartet. Die 1. Britische Luftlande-Division soll die Speerspitze des Unternehmens übernehmen und die Rhein-Brücke bei Arnheim von deutschen Kräften befreien und bis zum Eintreffen der eigenen nachrückenden Kräfte halten.

Aus den Berichten von Major John Pott:
Am Montag, den 18. September wurde das 156. Bataillon am frühen Nachmittag auf der Ginkel Heide abgesetzt. Die Männer gerieten dabei unter Beschuss von SS Einheiten. Es kam zu Verlusten schon beim Absprung aus den Flugzeugen, in der Landezone, die mit Gewehr und MG-Feuer eingedeckt wurde und bei Landungen in Bäumen, sowie im Bereich der deutschen Stellungen. Die Hälfte des MG-Zuges des Bataillons wurde bereits in der Nähe von Nimwegen mit ihrem Flugzeug abgeschossen.

Die A-Kompanie von Major Pott hatte bis dahin glücklicherweise keine Verluste zu verzeichnen.
Allerdings musste der 3. Zug die Betreuung von Verwundeten und einigen deutschen Gefangenen übernehmen. Als Ersatz wurde ein Zug Segelflieger-Piloten aufgestellt, was jedoch eine Schwächung bedeutete, da die Männer nicht gut trainiert waren.
Das Bataillon marschierte gegen 17 Uhr unter Führung der C-Kompanie weiter nach Osten in Richtung Arnheim. Östlich von Wohlfeze wurden sie unter Beschuss genommen und hier hatte die A-Kompanie ihren ersten Verlust: Pate (Private) Tansley – ein Mann, wegen seiner Freundlichkeit und Tüchtigkeit beliebt und respektiert.

Bei Tagesanbruch am Dienstag, den 19. September sollte das 156. Bataillon den „Koepel“ einnehmen – ein bewaldetes Gebiet bei Lichtenbeek, das vom Feind stark verteidigt wurde.
Sobald dieses Ziel erreicht war, sollte das 156 Bataillon zur 1. Parachute Brigade vorstoßen, um John Frost bei der Brücke (in Arnheim) zu unterstützen. Major John Pott hatte eine große persönliche Motivation, diesen Auftrag zu erfüllen, denn John Frost war sein Schwager.

Die Karte stellt die Lage am Dienstag, den 19. September 1944 bei Oosterbeek dar:

Lt. Co. des Voeux wählte die A-Kompanie von John Pott aus, den Angriff anzuführen.
Der „Koeppel“ liegt in der Nähe des Dreijenseweg, der auf eine Hauptstraße nach Arnheim führt.
An diesem Tag war das auch die Verteidigungslinie der Deutschen.
Major Pott befahl Leutnant Stan Wittlings, 4. Zug den Angriff zu führen. Sie gerieten unter Beschuss von Maschinengewehren und suchten verzweifelt Deckung in den Gräben auf der Seite der Straße. Dann befahl Major Pott Lieut. Delacours  5. Zug, von links anzugreifen, während dessen sollte die Bren-Gun (leichtes MG) des 5.Zugs für Feuerschutz sorgen. Delacours war jedoch einer der ersten, der getroffen wurde.
Die Lage wurde schlimmer – der Zug der „Gleiter-Piloten war sich über die Strategie unklar und verlor ihre Führer – Captain Muir und Lieut. Sydney Smith.
Lieut Watling starb, als er Major Pott folgte, in einem verrückten Ansturm, den Wald einzunehmen. Watlings zweiter Befehlshaber, Captain Terry Rodgers wurde ebenfalls tödlich verwundet. Nur Major Pott und ein paar Männer schafften es, durch die deutsche Verteidigung und bis in den Wald zu gelangen.

Einige Männer waren schwer verwundet, einschließlich Sergeant George Sheldrake, der eine bewegende Begebenheit beschreibt: Ich war noch mit zwei anderen Kameraden zusammen, uns ging es schlecht. Major Pott sagte, er könne uns nicht mitnehmen, aber er versteckte uns vorsichtig unter einem Gebüsch. Er meinte, wir könnten gerettet werden, wenn das Bataillon einen erneuten Angriff  durchführt, ansonsten würden uns die Deutschen abholen. Bevor Major Pott abzog, stellte er sich hin und betete für uns – obwohl minutenlang Mörser und Maschinengewehrfeuer herrschte – ein paar Minuten sind eine lange Zeit, wenn man unter diesen Bedingungen stehen bleibt. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde.“

Nach sechs Stunden Kampf war die Kompanie auf sechs Mann geschrumpft. Die A- Kompanie musste ihre Kampfhandlungen einstellen. Kompaniechef Pott war am linken Bein und an der Hand verwundet. Er konnte nicht mehr laufen.
Die überlebenden Soldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft. Der Zugführer der deutschen Einheit kümmerte sich um die Versorgung der Wunden von Major Pott, „Tut mir leid, wir können uns jetzt nicht um Sie kümmern, aber ich schätze eure Einheiten werden sowieso bald hier sein“ sagte der junge Leutnant. Die Deutschen rückten mit den marschfähigen Verwundeten ab, einschließlich George Sheldrake.

Die B-Kompanie von Lt Col Waddy startete noch einen Gegenangriff, aber sie schafften es nicht, den „Dreijenseweg“ zu überqueren.
Einige Stunden später machte sich Major Pott bemerkbar, um zu sehen, ob noch jemand da war – zu seiner Überraschung erschienen vier Männer aus den Büschen, die sich nach dem Abzug der Deutschen versteckt hatten. Sie nahmen mehrere Jacken von toten Männern, um Major Pott warm zu halten und dann wieder zum Bataillon zurückzukehren.
Danach lag er 18 Stunden lang im Wald, während dieser Zeit versuchte er einen Abschiedsbrief an seine Frau zu schreiben mit seiner unverletzten linken Hand.

Holländische Jugendliche fanden Major Pott schließlich, sie holten Hilfe und brachten ihn zum Missions-Haus der „Mill Hill Fathers“. Dort bestand aber nicht die Möglichkeit, Major Pott’s Verletzungen zu versorgen und er musste weiter nach Gronau gebracht werden, in ein deutsches Militärkrankenhaus, wo er verarztet und gesund gepflegt werden konnte.
Die Freundlichkeit der katholischen Krankenschwestern ist Major Pott in guter Erinnerung geblieben. Und er lernte dort den deutschen Soldaten Werner Elfering kennen, der an der Russlandfront verwundet worden war. Als dieser von seiner Frau Waltraud besucht wurde, versorgte sie Major Pott, ebenso wie ihren Mann unter anderem auch mit gutem Obst. Major Pott schloss Freundschaft mit ihnen, was dem Ehepaar die unliebsame Aufmerksamkeit der Gestapo einbrachte.
Major Pott gelang schließlich die Flucht aus dem Militärkrankenhaus in Gronau.

So viel über die Erlebnisse von Major John Pott bei Market Garden, sein Sohn David Pott wäre sehr daran interessiert, mehr über die deutsche Sicht der Kampfhandlungen seines Vaters und seiner Einheit herauszufinden. David Pott war sehr erfreut, dass er vor kurzem Kontakt mit den Nachkommen von Werner Elfering aufnehmen konnte.
Er würde auch gerne etwas über den Leutnant aus der Kampfgruppe von Ludwig Spindler in Erfahrung bringen. Das freundliche Verhalten des jungen Soldaten hat Major Pott nachhaltig beschäftigt. Informationen von oder über andere Soldaten, die auf deutscher Seite in die Kampfhandlungen involviert waren, sind ebenfalls willkommen.
Falls Leser dieses Artikels oder sogar noch lebende Zeitzeugen oder deren Angehörige Informationen, Berichte oder auch Literatur zur Verfügung stellen können, wäre David Pott dankbar.
Ich stehe gerne zur Verfügung, einen Kontakt herzustellen und Informationen zu übermitteln:

Kai Michael Horst (1. KL „Traka FernSpähTrp), Am Welsbach 34, 36325 Feldatal, Tel.(ab 17:00Uhr): (0049)173 6658 461, email: kaimi.horst@arcor.de

09. Mai 2018